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Aus dem historischen Archiv: Bericht über die letzten Kriegstage in Lustenau

20.02.2013

Aus dem historischen Archiv: Bericht über die letzten Kriegstage in Lustenau

Der folgende Artikel enthält einen Auszug aus einem Schriftstück, das unter anderem die letzten Kriegstage in Lustenau schildert. Im Mai 1945, kurz nach dem Einmarsch der französischen Truppen, verfasste Franz Hämmerle einen circa siebenseitigen Bericht über die letzten Kriegsmonate.

Der im Jahr 1899 geborene Franz Hämmerle, in Lustenau auch bekannt als „Huschky“ (Hausname: Schlossers), war bei Kriegsende bereits Mitte Vierzig. Auf französische Anweisung hin wurde ein Bericht erstellt, dessen Faksimile sich in den Beständen des Historischen Archivs der Marktgemeinde Lustenau befindet. Die Aufzeichnungen des Kompaniekommandanten des „Rheindorfer Volkssturms“ geben einerseits Einblick in die dramatische Situation der Lustenauer Kompanie bei ihrem Einsatz in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs und schildern andererseits das Kriegsende in Lustenau.

In Neujahrsblättern dokumentiert
In einem früheren Artikel im Lustenauer Gemeindeblatt wurden bereits die Erlebnisse Hämmerles und seiner Männer am Abschnitt einer Verteidigungslinie der „Alpenfestung“ in Sulzberg gekürzt geschildert. Die gesamte Abschrift dieses Teils der Aufzeichnungen von Franz Hämmerle ist im 3. Jahrgang der „Neujahrsblätter des Historischen Archivs der Marktgemeinde Lustenau“ dokumentiert. Die Neujahrsblätter gibt es in den Lustenauer Buchhandlungen und im Historischen Archiv zu kaufen.

Der Auszug in diesem Artikel schildert die Stunden zwischen der Rückkehr vom Posten in Sulzberg bis zum Tag der Besetzung Lustenaus. Ein weiterer Artikel im kommenden Gemeindeblatt wird die Serie mit einem Ausschnitt über den Einmarsch der französischen Truppen abschließen. Die Zeichensetzung wurde der heute gebräuchlichen Orthographie angepasst. Offensichtliche Tippfehler wurden korrigiert, die sonstige Schreibweise beibehalten.

Der Bericht
„Ich hoffte nach drei schlaflosen Nächten endlich richtig schlafen zu können. Es war aber unmöglich, denn die Meldungen die ich laufend erhielt und die Besuche machten mir die Nacht zum Tage. Bald hieß es 800 SS [sic] kommen über Lustenau nach Hohenems. Dann wurden es wieder nur 80 SS [sic]. Eine Meldung löste die andere ab, bis es endlich Tag wurde.

Es war der 1. Mai und alles schien verrückt zu werden. Verschiedene Lebensmittelvorräte wurden ausgegeben, wobei es eine furchtbare Drängelei gab. Man sah nur noch Frauen laufen mit Körben und Taschen und alles wollte sich Vorräte schaffen [sic]. Am Bahnhof kamen Waggons mit Paketen an, die ebenfalls verteilt wurden. Dabei mussten Leute meiner Kompanie einschreiten, weil die Menge die Wagen plündern wollte. Wir konnten die Sache regeln und die Pakete konnten halbwegs gerecht verteilt werden. Während der Verteilung solcher Lagervorräte brausten auf einmal Tiefflieger über die von Menschen wimmelnde Gemeinde. Wiederum waren es die Volkssturmmänner, die die unvorsichtigen Leute in Deckung jagten. Wie ich von einem Melder erfuhr, schoss ein unbekannter Offizier am Südausgang der Gemeinde auf einen Tiefflieger und das Feuer wurde gründlich erwidert. Durch den Fliegerbeschuss geriet das Haus des Anton Bösch in der Holzstrasse in Brand. Als die Bevölkerung den Ernst der Lage erkannte, besserte sich auch die Disziplin.

Am Abend dieses Tages brachte mir Zugfhr. Alfred Hofer einen Schlüssel und erklärte mir, dass er von soz.dem. [sozialdemokratischer] Seite verständigt worden sei, dass die Kreisleitung der SS den Auftrag gegeben habe, mich niederzuschiessen und daher bringe er mir den Schlüssel zu einem sicheren Versteck [sic]. Währenddem [sic] wir noch beisammen waren fuhr auch tatsächlich ein Auto mit 4 SS [sic] beladen beim Haus vorbei in das Lager des RAD, wo die Kanzlei der Stabskomp. war. Das Herz klopfte mir allerdings etwas höher, aber dennoch blieb ich daheim und verbrachte die Nacht wieder ohne Schlaf, jederzeit zum Verschwinden bereit. Dazu noch die Angst meiner Frau, die mich ebenfalls nicht zu Schlafe kommen ließ.“

Einleitung und Textedition: Oliver Heinzle, Historisches Archiv Lustenau 

Aufruf: Zeitzeugen gesucht
Die Mitarbeiter des historischen Archivs bitten alle Lustenauerinnen und Lustenauer, die im Rahmen eines Zeitzeugeninterviews ihre Erinnerungen an die Zeit des Zweiten Weltkriegs und des Nationalsozialismus mit der Nachwelt teilen möchten, sich im Historischen Archiv unter der Tel 62585 zu melden.