
Am 13.6.1902 wurde Lustenau von Kaiser Franz Josef I. zur Marktgemeinde erhoben. Mit diesem Akt trug der Monarch der Entwicklung des ehemaligen freien Reichshofes in den vorangegangenen Jahrzehnten Rechnung. Lustenau stand damals gewissermaßen an einem Wendepunkt. Noch immer war der dörfliche Charakter im Ortsbild dominant. Für viele Zeitgenossen war Lustenau nach wie vor „ein sehr großes Dorf“. Die einzelnen Häuser standen mit ihren Ökonomiegebäuden meist inmitten von Obst- oder Gemüsegärten oder von Wiesen. Dasselbe galt für die örtlichen Fabrikgebäude und Gewerbebetriebe. Geschlossene Siedlung mit engen Häuserreihen war selten.
Andererseits war die Gemeinde nicht nur in den großen Wirtschaftsraum der Donaumonarchie eingebunden, die Stickereiindustrie öffnete den Lustenauern buchstäblich das „Tor zur großen, weiten Welt“. Lustenau „boomte“ um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, und die Prognosen, die man höheren Orts für die Gemeinde anstellte, waren allesamt positiv. Man erwartete, dass der – was die Bevölkerungszahl betrifft – bereits 1902 hinter Bregenz und Dornbirn drittgrößte Ort des Landes, weiter wachsen werde. Man rechnete damit, dass vor allem die damals erst dünn oder noch gar nicht bebauten Ortsteilen besiedelt würden. Dies galt besonders für die Strecke entlang der Elektrischen Bahn Dornbirn Lustenau, der Tram.
Diese Prognosen hingen keineswegs in der Luft: Vor allem von der Rheinregulierung, welche die Gemeinde vor den häufig verheerend wirkenden Überschwemmungen und Hochwässern der Vergangenheit schützen sollte, erwartete man sich positive – nicht zuletzt psychologische – Impulse. Die günstigen Erwartungen stützen sich aber auch auf die Einschätzung der Lustenauer als solche.
Höheren Orts hatte man durchaus zur Kenntnis genommen, dass sich die Bewohner dieser Gemeinde ganz im Westen der Monarchie durch die Elementarkatastrophen des 19. Jahrhunderts nicht hatten entmutigen lassen, dass sie die Chancen, welche die Stickereiindustrie bot, nicht nur erkannt, sondern auch energisch ergriffen und genutzt hatten. Auch die nicht unwesentlichen Anstrengungen, welche die Gemeinde Lustenau für die Verbesserung des Bildungsstandes ihrer Bewohner auf sich genommen hatte, wurden registriert.
Schließlich nahmen die österreichischen Beamten auch noch mit Befriedigung zur Kenntnis, dass die Lustenauer zu den politisch Aktivsten im Lande zählten. Die Wahlbeteiligung war seit eh und je besonders hoch. Kurz: Man hielt die Lustenauer für aufgeschlossen und engagiert genug, um die Zukunft zu meistern.
Die Markterhebung von 1902 ist damit zweierlei: Einerseits können wir darin Dank und Anerkennung für beeindruckende Leistungen der Lustenauer in der Vergangenheit erkennen; andererseits ist sie auch eine Art Wirtschaftsförderung – und zwar sowohl symbolischer als auch praktischer Art. Im Zeitalter der beginnenden Globalisierung der Wirtschaft ließ sich eine Marktgemeinde besser „verkaufen“ und präsentieren als ein Dorf. Praktisch war mit der Standeserhöhung auch das Recht verknüpft, jedes Jahr vier Vieh- oder Krämermärkte abhalten zu dürfen.