Würdigung eines Menschen, der mutig eingeschritten ist 23. März 2018

Ehrung_Edwin Kremmel (16) Der Lustenauer Edwin Kremmel wurde für seinen mutigen Einsatz für einen wehrlosen Mitmenschen geehrt. Vlnr: Toni-Russ-Preisträger Laudator Albert Lingg, Bürgermeister Kurt Fischer, Isolde und Edwin Kremmel und Rudolf Prinesdomu (Dokumentationsarchiv österreischischer Heimkinder)

Einen späten Akt der Entschuldigung und eine Würdigung für seine herausragende Zivilcourage erfuhr kürzlich der 86-jährige Lustenauer Edwin Kremmel. Er hatte im Jahre 1955 einen Pflegezögling des Lustenauer Versorgungsheims, eine behinderte junge Frau, die zur Strafe im Kerker weggesperrt war, unerschrocken befreit. Sein beherztes und menschliches Handeln brachte ihm damals ein gerichtliches Nachspiel und großes Ungemach.

Dokumentationsarchiv Österreichischer Heimkinder stieß auf Akten

Das Dokumentationsarchiv Österreichischer Heimkinder machte Bürgermeister Kurt Fischer vergangenen Herbst auf den Fall aufmerksam. Die Mitglieder des Archivs waren bei Recherchen nach Misshandlungen von Heimkindern unter 70.000 Akten auf einen betreffenden Zeitungsartikel gestoßen. Die Zeitschrift „Wiener Echo“ hatte Ende der 1950er Jahre in einer Reihe, in der es um ungerechte Gerichtsverfahren ging, ihre Titelgeschichte Edwin Kremmel und seinem Handeln gewidmet. Mit dem Titel „Strenge Strafe für Menschlichkeit“ wurde über seine Hilfe für die junge Ingeborg Wilhelm, die im Lustenauer Versorgungsheim untergebracht war, berichtet.

Kerkerstrafe für behinderte Frau

echo Die Zeitschrift "Wiener Echo" widmete im Juni 1958 dem unerschrockenen Lustenauer die Titelgeschichte. © Dokumentationsarchiv Österreichischer Heimkinder

Die mental und körperlich behinderte junge Frau war im Herbst 1955 zur Strafe für „ungebührliches Verhalten“ gegenüber den betreuenden Ordensschwestern vom Heimverwalter in den Kerker des Heims weggesperrt worden. Ohne Krücken fast bewegungsunfähig, lag sie tagelang beim Fenster und schrie um Hilfe – sie habe Angst, man lasse sie dort sterben. Edwin Kremmel, damals junger Tischlergeselle im benachbarten Betrieb, konnte sich das nicht länger ansehen und stellte den Verwalter zur Rede, er solle das Mädchen wieder freilassen, ohne Erfolg. Damit man ihm glaubte, fotografierte er das Mädchen hinter den Gittern und machte sich auf. Er packte sein Werkzeug, brach die Kerkertür auf und brachte das Mädchen wieder in dessen Zimmer hinauf.

echo Die Zeitschrift "Wiener Echo" widmete im Juni 1958 dem unerschrockenen Lustenauer die Titelgeschichte. © Dokumentationsarchiv Österreichischer Heimkinder

Strafe für Menschlichkeit und unbequeme Wahrheiten

Für seine Zivilcourage erfuhr Edwin Kremmel vom Mädchen und den anderen Heimbewohnern großen Dank – aber nicht von der Gemeinde. Die auch damals verbotene Freiheitsberaubung des Heimzöglings war nicht lang Thema in der Gemeindevertretung, sondern: Der Heimverwalter erstattete Anzeige wegen Hausfriedensbruchs. Die Gemeindevertretung überließ nach kurzen Diskussionen über die Rechtmäßigkeit des Verhaltens vom Verwalter „die Sache dem Gericht“ und so kam es, dass Edwin Kremmel eine bedingte Haftstrafe für sein Tun ausfasste. In Vorarlberg hatte die sozialdemokratische Zeitung „Der Volkswille“ den Fall unter „Mittelalterliche Methoden“ öffentlich gemacht, gekontert von einem rechtfertigenden „Leserbrief“ im konservativen „Volksblatt“. Dann wurde der Fall zu den Akten gelegt, wo er gut 60 Jahre lagerte. Bis Rudolf Prinesdomu und weitere Mitglieder vom Archiv Österreichischer Heimkinder bei ihren Recherchen darauf stießen.

Umgang mit Schwächsten der Gesellschaft

Was später aus der jungen Frau geworden ist, konnte vom Historischen Archiv Lustenau und dem Meldeamt der Gemeinde im Zuge der jetzt erfolgten Würdigung recherchiert werden: Fakt ist, dass Ingeborg Wilhelm nach dem öffentlich gewordenen Vorfall von 1955 vom Versorgungsheim weg in die Landeswohltätigkeits- und Irrenanstalt Valduna Rankweil verlegt wurde. Die letzten Jahrzehnte verbrachte sie in Heimen in Tirol, wo sie 2006 in Ried im Oberinntal verstarb. Edwin Kremmel hat das Foto von der wehrlosen Frau, das er damals gemacht hat, bis heute aufbewahrt.

Dank und Würdigung durch die Gemeinde und das Dokumentationsarchiv

Ehrung_Edwin Kremmel (14) Bürgermeister Kurt Fischer dankte Edwin Kremmel herzlich und überreichte ihm eine Anerkennung seitens der Gemeinde.

Auch wenn man das Gerichtsurteil und die Strafe heute nicht mehr gutmachen kann, so wollten Bürgermeister Kurt Fischer und die Gemeindeverantwortlichen die Ungerechtigkeit von damals ins rechte Lot zu rücken und Edwin Kremmel danken. Beim Ehrenabend, der am 13. März im Gasthof Krönele stattfand, hob Bürgermeister Kurt Fischer in seiner Würdigung die Zivilcourage von Edwin Kremmel hervor, der nicht wegsah bei einem Unrecht, sondern mutig einschritt und schlug die Brücke zum heurigen Gedenkjahr 2018. Auch den Mitgliedern des Dokumentationsarchivs war es ein besonderes Anliegen, Edwin Kremmel persönlich Danke zu sagen. Sie sind größtenteils selber ehemalige Heimkinder, denen in ihrer Kindheit statt Liebe und Geborgenheit unter staatlicher und kirchlicher Obhut Furchtbares geschah. Rudolf Prinesdomu hob beim Ehrenabend hervor, dass Edwin Kremmels Verhalten eine große Ausnahme war: „Unter all den 70.000 gesichteten Akten fanden wir nur zwei Beispiele, wo ein Unbeteiligter bei wahrgenommenen Misshandlungen eingeschritten ist. Sie haben eben nicht weggesehen, ein wahrer Mitmensch mit aufrechtem Gang. Danke, Herr Kremmel.“

Laudatio von Toni Russ-Preisträger Dr. Albert Lingg

Ehrung_Edwin Kremmel (7) Toni-Russ-Preisträger Dr. Albert Lingg hielt die Laudatio.

Toni Russ-Preisträger Dr. Albert Lingg ging in seiner Laudatio auf das heurige Gedenkjahr und zollte Edwin Kremmel Respekt: „Man muss sich auch vor Augen führen, dass noch im Jahrzehnt zuvor – und nun sind wir beim Gedenkjahr 1938 – in Großdeutschland im Zuge der sogenannten Euthanasie über 70.000 Kranke und Behinderte ermordet wurden, ihr Leben nämlich als unwert angesehen wurde, dies lange geduldet und erst gestoppt, als Kardinal von Galen 1941 mit einer mutigen Predigt dem Einhalt gebot. ….. Als Leiter jenes Krankenhauses, aus dem heraus dieses Unrecht mit organisiert wurde, habe ich mit anderen immer versucht, die Erinnerung daran wach zu halten, den Nachgeborenen ins Bewusstsein zu bringen, wie wichtig es bleibt, auf gefährliche Entwicklungen zu achten … dabei jedoch auch immer jene Beispiele angeführt, wo der Mut Einzelner auch in einem Terrorregime half, Betroffene zu retten. Wir alle wissen, wie schwierig und schmerzhaft es sich herausstellte, mit diesem Erbe zu leben – wir arbeiten noch heute daran … Und das galt auch für die 50er Jahre, die – und nun komme ich zum Gedenkjahr 1968 – noch nicht jenen späteren Aufstand gegen verkrustete Hierarchien in allen Bereichen gesellschaftlichen Lebens kannten: heißt: Man hat sich damals noch zu sehr darauf verlassen, dass es die Obrigkeit, Institutionen, Behörden, die Gesundheitsabteilung schon recht machen. Es gab also keine so wache Öffentlichkeit, kritische Presse oder Patientenanwälte zur Aufsicht wie heute…. Umso mehr Respekt verdient nun eine Aktion zu jener Zeit wie die Ihre, lieber Herr Kremmel – Sie haben einen Menschen in Not gesehen, sich nicht beirren lassen, sich eingemischt und letztlich beherzt eingesetzt – couragiert und ohne falschen Respekt…dann jedoch erleben müssen, wie herzlos die Heimleitung, im Weiteren die Ermittler und schließlich das Gericht reagierten! Solche Zivilcourage, eben den persönlichen Einsatz für eine gute Sache tut zu aller Zeit Not, kann uns Beispiel sein, auch in Zeiten scheinbar besser geregelten Lebens! Und unsere Wertschätzung am heutigen Abend soll so etwas wie Balsam auf seelischen Wunden und erschüttertes Vertrauen sein – dazu möge die hier ausgedrückte Wertschätzung Ihrer Person durch die Gemeinde und die Vertreter des Dokumentationsarchivs einen Beitrag leisten!“