Archivgespräch zur Vorarlberger Anschlussbewegung an die Schweiz 29. Mai 2019

Publikum

Das zweite Archivgespräch des Jahres lockte am Montag, den 20. Mai zahlreiche Geschichtsinteressierte in den Rathaussaal. Archivar Wolfgang Scheffknecht sprach an diesem Abend über Ferdinand Riedmann (1886-1968) und die von ihm initiierte Anschlussbewegung an die Schweiz, die sich mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem damit einhergehenden Zerfall der Monarchie konstituierte.

Werbeausschuss Aufruf des Werbeauschusses für den Anschluss Vorarlbergs an die Schweiz im Lustenauer Gemeindeblatt vom 24.11.1918.

Ferdinand Riedmann war Obmann des „Werbeausschusses für den Anschluss an die Schweiz“, der in den Vorarlberger Gemeinden eifrig öffentliche Kundgebungen abhielt, um für seine Sache zu werben. Eine im Mai 1919 durchgeführte Volksabstimmung resultierte in einer überwiegenden Mehrheit (81 %) für die Aufnahme von Verhandlungen mit der Schweiz über den Anschluss Vorarlbergs. Bekanntlich wurde aus den Anschlussbestrebungen nichts, der österreichische Nationalrat nahm Anfang September 1919 die Bestimmungen des Friedensvertrags von Saint-Germain an. Damit wurde die Grenze zur Schweiz und Vorarlberg als Teil der Republik Österreich festgeschrieben.

Kritische Auseinandersetzung mit der Biografie

Ferdinand Riedmann Ferdinand Riedmann als Lehrer in Alberschwende.

Wolfgang Scheffknecht beleuchtete neben Riedmanns politischem Engagement auch ausführlich seine Biografie, die in der Literatur weitgehend von Riedmanns eigenen Texten in dessen umfangreichem Nachlass geprägt ist. Scheffknecht widerlegte beispielsweise den von Riedmann inszenierten Mythos der Armut, in der er aufgewachsen sein soll, weshalb er sich das Studium zuerst durch Arbeit verdienen musste. Er verglich Riedmann, der nur gut ein Jahr arbeitete, bevor er sich dem Studium widmen konnte und in weiterer Folge Lehrer wurde, mit seinem Zeitgenossen Beno Vetter, der ganze 15 Jahre benötigte, um sich das erforderliche Kapital für ein Studium zu erarbeiten. Im Jahr 1911 eröffnete Ferdinand Riedmann gemeinsam mit seinen Brüdern das erste Lustenauer Kino, wo im Jahr 1918 die erste Volksversammlung für einen Anschluss an die Schweiz stattfand. Riedmanns Suspendierung vom Schulbetrieb sowie sein Rücktritt als Gemeinderat und Vizebürgermeister 1924 aufgrund einer Verurteilung zu neun Monaten schweren Kerkers, fanden ebenfalls im Vortrag Erwähnung. Wie den Prozessakten als auch einem kürzlich erschienenen Artikel in der „Zeit Schweiz und Österreich“ zu entnehmen ist, wurde Ferdinand Riedmann „schuldig erkannt des Verbrechens der Notzucht und Schändung [… an einem] damals noch nicht 14 Jahre alten“ Mädchen.

Lebhafte Diskussion

Viele Zuhörerinnen und Zuhörer nutzen im Anschluss an das Referat die Möglichkeit zu Stellungnahmen und Fragen, wobei noch viele weitere interessante Aspekte der Thematik erörtert wurden. Im Herbst geht es weiter mit dem dritten Archivgespräch des Jahres, am 7. Oktober wird Archivar Wolfgang Scheffknecht über „Alkohol und Trinkkultur in reichshöfischer Zeit und während der frühen Industrialisierung in Lustenau“ sprechen.