Künstlerin Jala Wahid im Gespräch 30. September 2026

Jala-Wahid Portrait Credit Marc-Doradzillo

Zwischen militärischer Tarntechnologie, KI-Lügendetektion und der Fluchtgeschichte ihrer Eltern sucht Jala Wahid nach Verbindungen zwischen scheinbar getrennten Welten. Im Gespräch zwischen der in London lebenden Künstlerin und Kuratorin Anne Zühlke geht es um Archive, Migration, Erinnerung – und darum, wer eigentlich bestimmt, was wir wissen können.

 

 

Anne Zühlke: Du arbeitest mit Skulptur, Installation, Film, Sound und Text. Was interessiert dich an diesen unterschiedlichen Medien?

 

Jala Wahid: In meiner Arbeit beschäftige ich mich mittels dieser Materialien mit Politik und dem Erbe des Imperialismus und Kolonialismus. Mich interessieren ihre Geschichte und die Auswirkungen, die sie bis heute haben. Ich versuche, andere Perspektiven auf koloniale und diasporische Geschichten zu entwickeln und historische Ereignisse mit persönlichen Erfahrungen zu verbinden.

 

AZ: Du hast in den vergangenen Jahren viel Recherche betrieben. Welche Rolle spielen Archive in deiner Arbeit?

 

JW: In den vergangenen Jahren habe ich intensiv in Archiven recherchiert – sowohl in großen institutionellen Archiven als auch in kleineren, die Gemeinschaften oder Einzelpersonen gehören. Ein Schwerpunkt war die koloniale Ausbeutung, etwa das Verhältnis zwischen dem Westen und dem Nahen Osten im Zusammenhang mit der Erdölförderung. Für die Ausstellung im DOCK 20 habe ich mich außerdem mit militärischer Forschung zur Entwicklung von Tarntechnologien und mit KI-gestützter Lügendetektion beschäftigt, die an bestimmten Grenzübergängen im Schengen-Raum erprobt wurde. Einen Gegenpol dazu bildet die Geschichte meiner Eltern und ihre Flucht aus Süd-Kurdistan über den Iran und Österreich nach Großbritannien.

 

AZ: Wie bist du von diesen politischen und wissenschaftlichen Themen zur Geschichte deiner Eltern gekommen?

 

JW: Meine Eltern waren damals jung und frisch verheiratet. Sie machten sich gemeinsam auf diese gefährliche Reise. Einer Flucht aus politischen Gründen, die in dieser Form heute nicht mehr möglich wäre. Mich interessiert, ihre „Tarnung“ zu 
verstehen und zu fragen, wie diese persönliche Erfahrung mit den hochentwickelten Technologien des Militärs konkurrieren oder diese sogar unterlaufen kann. Die Einbeziehung einer persönlichen Geschichte ermöglicht es mir, mich in diese größeren Zusammenhänge einzuschreiben und ihre sehr konkreten Auswirkungen sichtbar zu machen. Dadurch können neue Zusammenhänge entstehen und bestehende Machtstrukturen möglicherweise unterlaufen werden.

 

AZ: Was hat dich dazu gebracht, einen Airbus A300 der Iran Air zu rekonstruieren?

 

JW: Die Ausstellung besteht aus einer skulpturalen Installation und einem Video. Die Skulptur im Hauptraum ist eine Rekonstruktion eines Airbus A300 der Iran Air, der in den 1980er-Jahren zwischen Teheran und Wien flog – genau zu der Zeit, als meine Eltern diese Strecke zurücklegten. Ich habe das Flugzeug aus Metallgitter und Wollisolierung gebaut. Ihre Erinnerungen materialisieren sich an dieser Stelle, bleiben aber auch sehr vage. Im Video hingegen schichte ich verschiedene Ebenen von Erinnerungen, historischen Fakten und Bildern.

 

AZ: Welche Rolle spielt der Ort Hasanlu in diesem Zusammenhang?

 

JW: Das steht in engem Zusammenhang mit den Bildern im Film, insbesondere mit Dokumentationsaufnahmen der Ausgrabungen von Hasanlu im östlichen Kurdistan. Die Siedlung wurde 1973 ausgegraben. Eine bis heute unbekannte Besatzungsmacht hatte sie in Brand gesetzt; Archäolog:innen fanden fast 250 Skelette von Menschen, die auf unterschiedliche Weise brutal umgebracht worden waren. Für mich wirkt dieser Fund beinahe wie ein Vorzeichen des Genozids, den Kurdistan in den folgenden Jahrzehnten erfahren sollte.

 

AZ: Du arbeitest immer wieder mit Fotografien deiner Eltern aus einem Flüchtlingslager im Iran. Was ist für dich in diesen Bildern wichtig?

 

JW: Die Bilder zeigen meine Eltern als junges verheiratetes Paar: beim Essen, im Alltag, beim Zeittotschlagen. Für mich haben diese intimen und romantischen Bilder eine subversive Kraft. Sie stehen im starken Kontrast zu den Bildern meiner 
Eltern, die nachts zu Pferd und unter Beschuss eine Grenze überqueren, aber auch zu den wissenschaftlichen Bildern aus der Forschung zur Entwicklung von Tarntechnologien. Ihre Beziehung und ihre Flucht nach Europa werden für mich so zu einer eigenen, alternativen Form von „Stealth“ – einer Form von Tarnung, die nicht aus wissenschaftlicher Berechnung, sondern aus Erfahrung, Intuition, Beziehung und Überlebenswillen entsteht.

 

 

AZ: Im Film beschäftigst du dich mit KI-gestützter Lügendetektion. Was interessiert dich an dieser Technologie?

JW: Der Film beschäftigt sich mit KI-gestützter Lügendetektion, die auf der Forschung des Psychologen Paul Ekman zu Gesichtsausdrücken und Emotionen aufbaut. Der Versuch, den Körper und seine Emotionen zu quantifizieren, fasziniert mich gerade deshalb, weil sich Erfahrung nicht vollständig auf Formeln oder Diagramme reduzieren lässt. Die Reise meiner Eltern verkörpert für mich den Gegenpol zu dieser Form von Wissen.

AZ: In deiner Arbeit treffen Technologien und Erfahrungen aus unterschiedlichen historischen Momenten aufeinander. Welche Bedeutung hat diese zeitliche Verbindung?

JW: Mich interessiert die zeitliche Distanz zwischen den Erfahrungen meiner Eltern und den Technologien, denen Menschen heute ausgesetzt sind. Die Art, wie meine Eltern damals aus Kurdistan fliehen konnten, wäre heute kaum mehr denkbar. Was wäre geschehen, wenn sie den heutigen Technologien der Grenzkontrolle ausgesetzt gewesen wären? Ich will, dass bei den Betrachter:innen Fragen ausgelöst werden. Ich möchte keine Arbeit schaffen, die lediglich informiert oder erklärt. Vielmehr möchte ich eine Situation erzeugen, in der die Betrachter:innen selbst in die Systeme, die ich untersuche, verwickelt werden.

Im Film bleiben manche Fragen bewusst offen – es ist nicht immer klar, an wen sie gerichtet sind. Technologien, die heute zur Kontrolle von Grenzen eingesetzt werden, werden unweigerlich auch in andere Lebensbereiche eindringen. Alles, was aktuell militärisch entwickelt und erforscht wird, um Menschen zu überwachen, die auf der Flucht oder von Kriegen und Konflikten betroffen sind, wird auch auf diejenigen zurückfallen, die sich bisher als Unbeteiligte wähnen.

Interview und Übersetzung: Anne Zühlke

Die Ausstellung von Jala Wahid 
eröffnet am Samstag, 3. Oktober 2026 um 18 Uhr.

Jala Wahid: „Smile maniacally we’re alive“
Laufzeit: 4. Oktober 2026 — 16. Jänner 2027
DOCK 20, Pontenstraße 20, 6890 Lustenau