Kriegsende und Ausrufung der Republik vor 100 Jahren – Teil I 6. November 2018

Diesen November jährt sich zum 100. Mal die Gründung der österreichischen Republik. Die in dieser Artikelserie präsentierten Auszüge aus lokalen Quellen sollen an das seinerzeit Geschehene erinnern.

Buch_Albin_Schmied Auf rund 350 handgeschriebenen Seiten dokumentierte Albin Schmid die Ereignisse des Ersten Weltkriegs.

Albin Schmid (* 28.01.1878, + 04.09.1959) war Ende des Ersten Weltkrieges 40 Jahre alt. Wie damals so viele andere Lustenauer auch war er Landwirt und Sticker. Er führte ein handgeschriebenes Buch, das fast ausschließlich den Ersten Weltkrieg thematisiert. Zeitnah, wohl noch während des Krieges, erörterte er darin verschiedenste kriegsrelevante Themen. Bei vielen der Einträge hat Albin Schmid einfach den Krieg betreffende Kundmachungen aus dem Lustenauer Gemeindeblatt abgeschrieben. Er gibt jedoch auch in vermutlich selbst verfassten Vermerken spannende Einblicke in das damalige Lustenauer Alltagsleben.

Seine Kommentare veranschaulichen damit sehr gut seine Wahrnehmung des Kriegsendes und der damit einhergehenden Ereignisse rund um die Ausrufung der Ersten Republik am 12. November 1918. Die jeweilige Schreibweise wurde dabei behutsam der heutigen Orthographie angepasst. Wahrscheinlich als Reaktion auf die Aufkündigung der Personalunion durch Ungarn und die Gründung des neuen deutschösterreichischen Staates tags zuvor schreibt Albin Schmid, auf 1. November 1918 „Allerheiligentag“ datiert, unter dem Titel „Meuterer und Revolutionen im ganzen Staate“ über den „Zusammenbruch [in] Österreich-Ungarn“:

„Durch Hunger, Lumperei u[nd] Verrat auf allen Seiten in der Monarchie und an der Front ist dies alte morsche Reich zerfallen, der Kaiser Karl geflüchtet und seine Völker dem Schicksal selbst überlassen. Allen Nationen ist nun das Selbstbestimmungsrecht gegeben und jede unabhängig von der anderen. [..] Der tschechoslowakische Staat wurde von den Feinden schon vor 2 Monaten anerkannt u[nd] geschaffen.“

Damit kommentiert Albin Schmid auch die durch den Krieg ausgelösten Auflösungserscheinungen in der Donaumonarchie. Auf denselben Tag datiert schildert er, wohl nicht ganz falsch, wenn auch der offizielle Waffenstillstand erst am 3. November unterzeichnet wurde, den Zusammenbruch der Südfront, geht dabei mit den verantwortlichen Politikern, Militärs und der Kirche hart ins Gericht und schlägt auch antisemitische Töne an, wenn er die, seiner Ansicht nach Schuldigen benennt und von den dem „Götzen Moloch“ dienenden „hunderttausend[en] Wucherern, getauften und ungetauften Juden, Fabrikanten, Händlern [und] Adeligen“ spricht:

„Endlich […] kam die allgemeine Kapitulation der öster[reichisch]-ung[arischen] Heere an der Tiroler Front und erfolgte die bedingungslose Übergabe was den Kriegshetzern und Durchhaltern sehr schwere Sorgen bereitet, haben ja doch immer und immer wieder die Christlichsozialen und Freisinnigen und Geistlichen zum Kriege gehetzt und denselben verherrlicht. Nicht genug, […] von den Kanzeln der Kirche wurde der Glaubenskrieg gepredigt und heute nach 57 Monaten fallen von gleicher Stelle die Worte, dass es so kommen musste, weil man zu schlecht gewesen sei, der Generalismus und die höheren Offiziere. In Frankreich u[nd] England dagegen, sei der Generalismus und die Leitung tiefreligiös geworden, darum der Sieg auf jener Seite. Welch albernes Zeug dem armen Volke und [den] Soldaten aufgetischt wird. Jeder einigermaßen rechtlig [sic] denkende Mann muss jene verachten, die die Ursache des Krieges, Hetze und Schutz geleistet und heraufbeschworen haben, uns durch 4 1/3 Jahre unter der Knute hielten und einen Großteil zur Schlachtbank führten. Tausende zu Krüppel machten, Hunderttausende Existenzen vernichteten, c[a.] 38.000 unschuldige Hinrichtungen. Namenloses Elend, unbeschreiblichen Kummer, [jene die] endlosen Jammer uns bereitet haben [und] fast das ganze Volk an den Bettelstab gebracht [haben]“.

In seiner Empfehlung für einen künftigen Umgang mit den Schuldigen schlägt Albin Schmid einen unversöhnlichen und sehr aggressiven Ton an und betont neben dem künftig in einem neuen Staat wohl vermehrt dominierenden deutschen Element aber auch die Möglichkeit künftiger demokratischer Mitbestimmung: „Traurig, wenn wir zurückdenken am Grabe unserer Habe. Bald muss auch der Bürgerkrieg das verdienstvolle Schicksal den Schuldigen bringen, jedoch keine Milde und Gnade walten lassen. Aug um Aug u[nd] Zahn um Zahn. Betörtes und betrogenes Volk raffe dich auf, halte Rückschau, schone keinen Durchhalter und Hetzer. Alle in die Grube, [..] die sie dem Volk und [den] Soldaten gegraben! Dann auf zu neuem Leben und Schaffen für ein ehrlich und offen demokratisch deutsches Volk!“