Überschwemmungen 1888 13. September 2018

Heuer vor 130 Jahren wurde die Gemeinde Lustenau, wie auch weitere Orte im Rheintal, von einem verheerenden Hochwasser heimgesucht. Nachdem bereits am Vormittag der Rhein bei Meiningen an zwei Stellen den Damm durchbrochen hatte, brach am Abend des 11. Septembers 1888 auch der Seelachendamm und ein Großteil Lustenaus wurde überflutet.

Hochwasser 1888 VLB Das Foto, das die Parzelle Wiesenrain während des Hochwassers 1888 rund 70 Zentimeter unter dem Höchstwasserstand zeigt, stammt ursprünglich aus dem Archiv der ÖBB, Innsbruck. Es gelangte wohl dorthin, weil die österreichischen Bahnen frachtfrei Kohle und Lebensmittel zur Unterstützung der Bevölkerung aus den verschiedenen Teilen der Monarchie nach Vorarlberg brachten.

Ein interessante Quelle zu den damaligen Ereignissen stellt die Aufzeichnung von Albin Schmid (* 28.01.1878, + 04.09.1959) dar. Der Autor stammte aus einer Glaserfamilie. Im Lustenauer Familienbuch finden sich in seinem Eintrag die Berufsbezeichnungen Landwirt und Sticker. Er erlebte die Überschwemmung von 1888 als zehnjähriger Bub und hielt die Ereignisse vermutlich gut 25 Jahre später fest. Wohl ab dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs begann er, in einem gut 350 Seiten starkem Buch eine Kriegschronik zu erstellen. Auf den ersten Seiten dieser Handschrift liefert er nach der Aufzählung der für Österreich relevanten Kriegsereignisse in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zuerst zwei Beschreibungen der großen Überschwemmungen von 1888 und 1890. In seinem nun folgenden Bericht über die Ereignisse im Jahr 1888 wurden die Rechtschreibung sowie teilweise der sprachliche Ausdruck behutsam dem heutigen Gebrauch angepasst:

Überschwemmungen 1888

Der Rhein hatte riesige Wassermassen und überstieg die Dämme fast überall [und er] konnte trotz der Mühen und Arbeiten nicht im Bette gehalten werden. Der Durchbruch an der Seelache war unvermeidlich und bald wälzten sich die Fluten durch unsere Gemeinde Lustenau, alle möglichen Geräte vor sich hertreibend. Schollen, Kürbisse, Fässer, Obst, Bretter, Brunnenhäuser, [..] Stroh, Stangen und Balken, alles wurde mitgerissen, was nicht felsenfest stand. Aborte, Jauchekastendeckel [und] Tennen wurden von den Häusern gerissen und fortgeschwemmt. Mit großer Gewalt zog der Rheinstrom über die schön bebauten mit guter Ernte bestellten Felder, alles vernichtend. In den Häusern lag das Wasser ½ bis 2 Meter hoch, je nach der Lage derselben. Furchtbare Tage hatten Einzug gehalten, der Schaden war sehr groß, die ganze Ernte vernichtet. Die Stickmaschinen standen im Wasser, vielerorts stand der obere Wagen [der Maschine] noch im Wasser. Tage und wochenlang hatte man überall Arbeit und große Kosten mit dem Handstickmaschinenputzen, da sich überall Rost und Lehm ansetzte. Das Wasser blieb so 3 Tage. Am 3. Tag fing es an zu sinken, blieb aber dennoch trotz des steten Fallens an vielen Orten 6 bis 8 Tage. Der Schmutz in den Häusern war entsetzlich, überall ein grauer Lehmüberzug von 3 bis 6 Zentimetern. Auch die Felder und Wiesen bekamen einen ganz dicken Überzug von 8 bis 10 Zentimetern von dem sogenannten Letten, den das Wasser mitführte. Auch die Dornbirner Ache war über die Ufer resp. Dämme getreten und verheerte die Felder im untersten Teil der Gemeinde. In den niedrigen Häusern musste alles ausziehen und sich in festere Bauten und höhere Lagen flüchten. Die Arbeiten, die brave Männer in Kähnen und Schiffen leisteten, zur Bergung von Menschen und Vieh, waren zu bewundern in den reißenden Fluten. Der Verkehr wurde mit Flößen und Schiffen aufrechterhalten und [diese] fuhren täglich von Haus zu Haus, mit Lebensmitteln, um der armen Bevölkerung das Nötigste zu bringen. Die Unterstützungen waren reichlich, erlangten jedoch nur einen geringen Teil des angerichteten Schadens. Die Gemeindevertreter besorgten die Verteilung der Unterstützungen. Es wurden Kohlen, braune und sog. Schieferkohlen sowie Erdäpfel und Mais von der Gemeinde zum Ankaufspreise den Bürgern verabfolgt. Die Armut und Not war überall groß zufolge dieser Überschwemmungen. Jedoch konnte man noch von Glück sagen, da nur ein Menschenleben zu beklagen war, trotzdem das Wasser fast um Mitternacht […] ins Rheindorf seinen Einzug hielt.