Um Gottes Lohn … 14. Juli 2022
Am Montag, den 4. Juli fand das dritte Archivgespräch des Jahres im Rahmen der Hofkultur am Heidensand statt. Religionswissenschaftlerin Isabella Hartmann referierte über das Wirken der Barmherzigen Schwestern in Lustenau mit einem Schwerpunkt auf deren Tätigkeit im Entbindungsheim. All jenen, die den Vortrag wetter- oder urlaubsbedingt verpasst haben, bietet sich in der nächsten Ausgabe der Neujahrsblätter des Historischen Archivs die Möglichkeit, die Geschichte der Barmherzigen Schwestern in Lustenau nachzulesen.
Nach einem sehr interessanten allgemeinen Überblick zum Thema Geburt und Mutterschaft und damit entstandene, religiös geprägte Rituale und Praktiken im Christentum, erläuterte Isabella Hartmann kurz die Entstehung der ab ca. 1800 neu gegründeten Ordensgemeinschaften, die sich in den Dienst der Nächstenliebe stellten. Dazu zählte auch die 1811 gegründete Kongregation der Barmherzigen Schwestern des heiligen Vinzenz von Paul in Zams/Tirol. Die spätere Gründung einer Filiale in Lustenau markierte den Beginn des Wirkens der Barmherzigen Schwestern in Lustenau.
Im ersten Vertrag mit den Schwestern 1870 wurden deren Aufgaben festgehalten. Dazu gehörten der Dienst im Armenhaus und die Leitung zweier Mädchenklassen, die ebenfalls im Armenhaus untergebracht waren. Zahlreiche Briefwechsel der Oberin des Mutterhauses in Zams mit der Gemeinde Lustenau belegen die Schwierigkeiten, mit denen die Schwestern konfrontiert waren und die nicht immer reibungsfreie Zusammenarbeit. 1927 kam mit der Eröffnung der Wöchnerinnenstation im neu gebauten Versorgungsheim im Schützengarten eine zusätzliche Aufgabe für die Barmherzigen Schwestern dazu. Die große Arbeitsbelastung führte 1931 zur Androhung des Abzugs der Schwestern durch die Oberin des Mutterhauses. Angehäufte Schulden seitens der Gemeinde an die Kongregation waren außerdem ein Grund für das schwierige Verhältnis zwischen Gemeinde und Orden.
Eine 1936 erfolgte Erneuerung des Vertrags mit der genauen Festlegung der Pflichten und Rechte der zehn bis fünfzehn Schwestern in Lustenau, darunter weiterhin der Dienst im Versorgungsheim inklusive Entbindungsheim sowie der Schul- und Kindergartendienst, bildete für eine kurze Zeit einen ordentlichen Rahmen für das Wirken der Barmherzigen Schwestern. Doch mit dem „Anschluss“ 1938 gerieten auch die Barmherzigen Schwestern, wie alle Orden und Kongregationen, in Bedrängnis. Das NS-Regime beanspruchte die Kontrolle über Bildungs- und Sozialeinrichtungen. Die Barmherzigen Schwestern im Schul- und Kindergartendienst wurden durch weltliches Personal ersetzt. Im Versorgungsheim, möglicherweise auch aufgrund der massiven Belegung desselben, durften die Schwestern neben weltlichen Pflegekräften weiterhin ihren Dienst versehen.
In der Nachkriegszeit wurden die Schwestern wieder vollumfänglich auf ihren Posten eingesetzt. Im Entbindungsheim waren sie noch bis in die 1960er Jahre beschäftigt, die letzte Schwester im Versorgungsheim ging im Jahr 1979. Sr. Serafika Morscher blieb als Lehrerin bis 1982 in Lustenau, mit Sr. M. Charitas Plank (Kindergärtnerin) verließ 1986 die letzte der Barmherzigen Schwestern Lustenau.
Mit einem kurzen Überblick über die weitere Entwicklung des Entbindungsheims sowie letztlich der Schließung im Jahr 2001 beendete Isabella Hartmann ihre Ausführungen, nicht ohne zu erwähnen, dass Vorarlberg, neben dem Burgenland, das einzige Bundesland ist, in dem seit 2001 (neben den äußerst seltenen Hausgeburten) keine Alternative zur Klinikgeburt in Form eines Geburtshauses besteht.